Aktuelle Forschung
Ambiguous Remains: Religion, Geschlecht und die Imagination von Gewalt im Zusammenhang mit Bestattungen von Embryonen und Feten aus anatomischen Forschungs- und Lehrsammlungen (2024-2027)
Keywords: Religion und Museum; Embryonen und Feten; anatomische Sammlungen; human remains; Bestattungen; Gender; Gewalt; imagined violence; Wissenschaftsgeschichte, Medizingeschichte; kulturelle Transformation; Religion und Widergutmachung
Sollen Embryonen und Feten, die seit Jahrzehnten in anatomischen Forschungs- und Lehrsammlungen aufbewahrt werden, bestattet werden – und falls ja, wie? Das Projekt „Ambiguous Remains“ zielt nicht darauf ab, diese Fragen selbst zu beantworten, sondern auf die Rekonstruktion individueller Wege hin zu einer persönlichen Positionierung zu dieser Frage. Ziel ist es, Transformationsprozesse im Umgang mit dem menschlichen, insbesondere dem weiblichen, vorgeburtlichen und toten Körper auf individueller und gesellschaftlicher Ebene zu verstehen.
Zwischen 2024 und 2027 werden narrative und Experteninterviews mit Personen durchgeführt, die sich beruflich oder ehrenamtlich mit den Präparaten beschäftigen und sich für oder gegen deren Bestattung engagieren. Die Analyse orientiert sich an der Grounded Theory und fokussiert insbesondere auf
- Religion: die Rolle religiöser Aspekte für die Positionierung zu und Gestaltung von Bestattungen;
- Geschlechterbeziehungen und Machtstrukturen: die Bedeutung von Geschlecht für persönliche Positionierungen und die Beziehungen der Beteiligten untereinander; und
- Gewalt: die Vorstellungen der Befragten über die Umstände der „Präparatgewinnung“ und „-herstellung“ sowie deren Bewertung als Gewalt.
Nach vorläufiger Auswertung der ersten Interviews stehen die Fragen im Mittelpunkt, wodurch die Vorstellung beeinflusst wird, dass den Frauen, aus deren Körpern – möglicherweise bis in die 1980er Jahre hinein – das Schwangerschaftsgewebe entnommen wurde, Gewalt widerfahren ist, welche Auswirkungen diese „imagined violence“ auf den Umgang mit den Präparaten hat und welche Rolle dabei religiöse Ideen und Praktiken spielen.
Das Projekt verbindet auf innovative Weise Perspektiven und Methoden der Religionswissenschaft, der Gender Studies sowie der Wissenschafts-, Medizin- und Museumsgeschichte und fokussiert mit Embryonen und Feten in Forschungs- und Lehrsammlungen einen wenig beachteten Gegenstand als Spiegel gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Zudem arbeitet das Projekt neben gängigen Gewalttypologien mit dem weniger prominenten Konzept der „imagined violence“ und rekonstruiert Religion als Mittel der Widergutmachung von Unrecht, das unter den Bedingungen aktueller gesellschaftlicher Debatten verstärkt als solches in Erscheinung tritt.
Die Interviews werden durch ethnographische Gespräche ergänzt, teils in Zusammenhang mit gemeinsamen Begehungen von Sammlungen und Friedhöfen. Vorgesehen ist die Einbeziehung von VertreterInnen des Judentums, des Christentums und des Islams.