Lebensräume

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[Die Welt im Wandel: Antworten an die Zukunft] Im Mittelpunkt des letzten Abends unserer Veranstaltungsreihe „Die Welt im Wandel“ stand das Thema „Lebensräume“.

Um im Rahmen einer Podiumsdiskussion über die drohenden Folgen des Klimawandels, unsere eigene Rolle in dessen Bekämpfung und einen sinnvollen Einsatz von neuen Technologien zu diskutieren, durften wir Prof. Dr. Joachim von Braun (Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF), Universität Bonn), Prof. Dr. Jakob Rhyner(Innovations-Campus Bonn (ICB), Universität Bonn) und Prof. Dr. Uwe Schneidewind(Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie) auf unserer Bühne begrüßen.

Prof. Dr. Braun eröffnet den Abend zunächst mit einem wenig optimistischen Einstieg: Von den in der Agenda 2030 gefassten Zielen, die, manche direkt, manche indirekt, mit dem Thema „Lebensraum“ zusammenhängen, sind einige längst nicht erreicht. Neben dem Klimaziel, bei dem wir weit hinterherhinken, sehen auch die Zahlen zu dem für die EU besonders wichtigen Ziel, nachhaltig zu produzieren und zu konsumieren, schlecht aus. Prof. Dr. Braun fordert, um den Zielen gerecht zu werden, die Entwicklung hin zu einer biobasierten, nachhaltigen Wirtschaft, in der auch unser Konsum den Nachhaltigkeitszielen angepasst wird. Dafür schlägt er eine Besteuerung von exzessivem Ressourcenverbrauch (zum Beispiel durch übermäßigen Fleischkonsum) vor.

Allerdings, so gibt Prof. Dr. Rhyner zu Bedenken, muss man sich fragen, ob es eine absolute Nachhaltigkeit überhaupt geben kann. Für ihn ist die Antwort indes klar: Nein. Es wird vielmehr „einen nicht endenden Kampf geben, um das Bestmögliche zu erreichen“. Wie dieser Kampf in Zukunft aussehen kann, erforscht Prof. Dr. Rhyner am Innovation-Campus Bonn, einem Gemeinschaftsprojekt von sechs Bonner Forschungs- und Ausbildungsinstitutionen, an dem unter anderem auch die Universität Bonn beteiligt ist. Dort erforscht er mögliche Zusammenhänge und Chancen in der Verbindung zwischen Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeit.

Für Prof. Dr. Schneidewind liegt der erste Schritt, um zu mehr Nachhaltigkeit zu kommen darin, die Menschen dafür zu begeistern. Er kritisiert, dass in der Vergangenheit zu viele Katastrophenszenarien gezeichnet wurden, die bisher nur zu einer unvorhergesehenen Dynamik von Stimmungspolitik geführt haben, die viele Menschen gewissermaßen gegen Nachhaltigkeit aufhetzt, wie sich zum Beispiel an der aktuellen Debatte um Tempolimits beobachten lasse. Dabei sind wir, laut Prof. Dr. Schneidewind, eigentlich an einem Punkt in der Menschheitsgeschichte, an dem wir erstmals die nötigen technischen und ökonomischen Voraussetzungen haben, um etwas zu bewegen.

Wir hätten die Mittel, allen Menschen auf der Welt ein würdevolles Leben bieten zu können.

Wir hätten die Mittel, allen Menschen auf der Welt ein würdevolles Leben bieten zu können. Auch wird zum ersten Mal in der Geschichte genug Nahrung produziert, mit der es möglich wäre, die gesamte Weltbevölkerung zu ernähren. Das Bewusstsein für diese Privilegiertheit unserer Zeit, und insbesondere hier in Deutschland, solle in der Gesellschaft gestärkt werden.

Mit Blick auf jene Privilegiertheit, hakt Prof. Braun mit dem Einwand ein, dass in den nächsten Jahren viele Menschen nach wie vor in Armut geboren werden, was diese sicherlich nicht als Glück ansehen werden. Aus diesem Grund, müssten gerade für junge Menschen Perspektiven geschaffen werden, um in funktionierenden Volkswirtschaften der Armut zu entkommen. Damit diese Ziele aber auch politische Zustimmung in der Mehrheit der Bevölkerung finden, müsse man sich klar machen, so Prof. Schneidewind, wie dieser Diskurs zu rahmen ist. Auch wenn es sich um die Wahrheit handelt, reiche es nicht, diese lediglich zu verkünden.

Wie eine solche Vermittlung von Zielen aussehen kann, erklärt Prof. Braun. Aus Projekten mit engagierten Jugendlichen ließ sich das Fazit ziehen, dass besonders Information und Bildung eine entscheidende Rolle spielen. Nur wenn Entscheidungen transparent gemacht werden und die Menschen gut informiert, statt übergangen werden, kann auch Akzeptanz für Nachhaltigkeitsziele erreicht werden. Ein weiterer Ansatz, ist die Investition in Forschung und Technologie und die Teilung dessen, insbesondere auch mit einkommensschwachen Ländern.

Auf die Frage, was neue Technologien bei Problemen in der Agrarwirtschaft konkret bewirken kann, relativiert Prof. Braun zunächst, dass die neuen Technologien wenig gegen den durch kriegerische Auseinandersetzungen und Klimawandel in den letzten drei Jahren wieder gestiegenen Hunger tun kann. Allerdings fordert er einen technischen Wandel in der kleinbürgerlichen Landwirtschaft. Ein für ihn wichtiges Ziel ist es, Familien, die Subsistenzlandwirtschaft betreiben, den Zugang zu modernen Maschinen zu ermöglichen. In Nigeria, Tansania und besonders in Indien gäbe es zum Beispiel schon Versuche, Traktoren im Kollektiv zu teilen und über eine App zu bestellen, wenn man einen benötigt. Außerdem müsse durch neue Technologien die Verschwendung von Lebensmitteln eingedämmt werden. Bei uns betrifft das etwa ein Drittel der Lebensmittel, während in Ländern mit geringem Einkommen oft ein Drittel der Lebensmittel durch Misswirtschaft verloren gehen.

In der Publikumsdiskussion nähern wir uns noch einmal dem Titel des Abends „Lebensräume“ an. Dieser auf Herder zurückgehende Begriff beschreibt ein kulturelles und psychologisches Konzept, das gewisse Grenzen unseres Raumes impliziert. Diese Grenzen haben sich in der Vergangenheit verschoben und die Frage stellt sich, ob das auch heute noch der Fall ist oder, ob die Grenzen nun feststehen. Erweitert zum Beispiel die Digitalisierung unser Gefühl von den Grenzen unseres Lebensraums oder schränkt sie es ein? Für Prof. Rhyner ist eine wichtige Veränderung unserer Zeit, dass wir uns heute viel besser innerhalb dieser abstrakten Grenzen bewegen können. Die Klimawende zum Beispiel, so schwer sie auch heute noch ist, wäre vor fünfzig Jahren absolut nicht möglich gewesen.

Von diesem abstrakten Begriff der Lebensräume kommt Prof. Braun dank einer Publikumsfrage zu einem konkreteren Begriff. Um über die Siedlungsformen der Zukunft nachzudenken, möchte er die Begriffe rural und urban hinter sich lassen, um sich mehr mit Vernetzungen zu beschäftigen. Er nennt als Beispiel Projekte in asiatischen Ländern, in denen neue Städte entstehen, die beide Konzepte verbinden: Hier werden Grünflächen an den Häuserfassaden angelegt und Ernährungsproduktion in die Städte verlegt, um sogenannte biosensitive Städte zu erbauen.

Einen weiteren sehr konkreten Lebensraum stellt eine andere Besucherin heraus: den Lebensraum „Natur“ mit seinen Biosystemen, die wir längst nicht alle ausreichend verstanden haben. Sie stellt die Frage, ob hier der Einsatz von Technologie, gerade auch in der Landwirtschaft, nicht eher dem Naturschutz entgegenwirkt. Für Prof. Braun besteht hier allerdings kein Gegensatz. Im Gegenteil: Er sieht eine Chance im klugen Einsatz von Technik, um so eine Erhaltung der Natur, die schon viel zu weit verdrängt wurde, zu sichern.

Mit der hoffnungsvollen Aussicht, dass durch ein gesteigertes Bewusstsein für unsere Lebensweise und unseren Anteil am Schutz unserer Lebensräume, ein Wandel stattfinden wird, endet dieser letzte Diskussionsabend der Veranstaltungsreihe „Die Welt im Wandel“.

 


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