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Abteilung für Demokratieforschung

Politische Systeme in der funktional differenzierten Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts

Forschungsprogramm der Abteilung Demokratieforschung des Forum Internationale Wissenschaft der Universität Bonn (2020-2023)

Die Abteilung Demokratieforschung des Forum Internationale Wissenschaft untersucht politische Systeme in der funktional differenzierten Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Während politische Herrschaft in vormodernen Gesellschaften aus Systemen der Stratifikation hervorging, so dass Politik vor allem ein Instrument der Kontrolle gesellschaftlicher Ordnungen durch die dominierenden Schichten der Gesellschaft war, ist für die Moderne das Moment der Selbstorganisation der Politik im Kontext einer Pluralität mit anderen Problemen befasster Funktionssysteme der Gesellschaft charakteristisch. Die Politik ist nicht mehr gesellschaftsbestimmend, sie versucht sich mittels einer ihr eigenen Funktion – der Produktion kollektiv bindender Entscheidungen – in einer extrem dynamischen Gesellschaft zu behaupten. Die Leitfragestellungen der Abteilung Demokratieforschung sind die Folgenden:

 

1 Politische Gemeinschaften in der Moderne

Moderne politische Systeme können nicht mehr mittels der Analyse der Eliteschichten, die sie dominieren und symbolisch zusammenhalten, verstanden werden. Wenn Politik kollektiv bindendes Entscheiden ist, muß sie das Kollektiv identifizieren können, auf das diese Funktion sich bezieht. Natürlich entstehen auch politische Systeme durch die Zusammenführung von ethnischen und religiösen Gemeinschaften, die eine vorpolitische Existenz besitzen können. Aber der moderne Staat ist kein “empire of difference” mehr, dessen Leistung in der Überbrückung aller dieser im übrigen konservierten Unterschiede besteht. Er muß im Unterschied zu anderen Funktionssystemen mit der sozialen Ausdehnung des Staates konvergente soziale Gemeinschaften hervorbringen, die für die Beteiligten Identifikationen stiften. Wie das geschieht, ist für uns eine Schlüsselfrage, wie auch die Frage, wie die negativen Verläufe, die auf Exklusion von Gruppen und fortdauernden Kolonialismus hinauslaufen, aussehen.

  • Ahlers: The structural features of the political system of contemporary China – Balancing sacrosanct political collectivism with increasingly individualistic political demands   
  • Krichewsky: Thin Citizenship and Thick Social Collectives: The Systemic Frailty of India’s Democracy
  • Laube: Die EU als politisches System der Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts: Demokratische Kollektivbildung durch Handeln, Erzählen und Entscheiden
  • Pérez-Solari: Grundrechte als vormoderne Semantik  in Recht und Politik, welche die Inklusion und Exklusion in einer politischen Gemeinschaft bezeichnen.
  • Rückheim: Semantiken ethnischer Gemeinschaft und Schottlands nationale Integration. Fallstudie zum “Celtic Revival” in der Entstehung der modernen schottischen Nation
  • Stichweh: Recht und Politik und die Formierung einer amerikanischen „societal community“. Der Fall des „Supreme Court“ der USA

 

2 Praktiken und Semantiken der politischen Inklusion und Exklusion

Untersucht werden die der modernen Politik eigenen Praktiken und Semantiken individueller und kollektiver Inklusion. Wir gehen davon aus, dass die moderne Politik auf einem Imperativ der Inklusion ruht, zugleich aber immer neue Praktiken der politischen Exklusion ausbildet, wodurch sich die Selbstorganisation politischer Systeme in der Weltgesellschaft vollzieht. Die Beobachtung der Herausbildung neuer politischer Systeme genauso wie die Prozesse der Struktur- und Institutionenbildung der In-/Exklusion in bestehenden politischen Systemen zu deren Stabilisierung bilden ein besonderes Augenmerk unserer Arbeit in diesem Themenfeld. 

  • Krichewsky: Thin Citizenship and Thick Social Collectives: The Systemic Frailty of India’s Democracy
  • Laube: Inklusion und Exklusion im europäischen Grenzregime: Das Beispiel der zivilen Seenotrettung
  • Rückheim: Selbstexklusion und Fremdexklusion im Nationalismus der Weltgesellschaft
  • Stichweh: Inklusionsrevolutionen der Moderne und die Entstehung der Institutionen inkludierender Exklusion wie auch der Gegenstrukturen exkludierender Inklusion

 

3 Innendifferenzierung politischer Systeme

Untersucht werden die Ausprägungen der Formen horizontaler und vertikaler Innendifferenzierung politischer Systeme mit Hilfe eines analytischen Rahmens aus folgenden Annahmen: Erstens, dass das Politiksystem in spezifischen Leistungsbeziehungen zu anderen Sozialsystemen steht und korrespondierende Politikfelder entwickelt hat. Zweitens wird ein Zusammenhang konstatiert zwischen der Binnendifferenzierung des Politiksystems in Verwaltung, Publikum und Politik mit unterschiedlichen (z.B. demokratischen und wohlfahrtsstaatlichen) Formen politischer Inklusion. Drittens werden die von der Politikwissenschaft genannten Politiksystemebenen (kommunale bis globale Ebene) durch die soziologische Ebenendifferenzierung in Interaktion, Organisation und Politiksystem ergänzt.

  • Ahlers: Local Governance in China, esp. the role of scholars and science in Chinese local policy-making
  • Bahrami: Zivilgesellschaftliche Ambitionen: Der Einfluss von Stiftungen auf den Zugang zu Wissensbeständen, deren Bearbeitung und auf wissenschaftliche Karrieren 
  • Laube: Die EU als politisches System der Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts: Demokratische Kollektivbildung durch Handeln, Erzählen und Entscheiden
  • Moser:  Zivilgesellschaft als Sphäre moderner Politik
  • Moser: Funktionale Autonomie vs. horizontale Innendifferenzierung des politischen Systems: Modi der Einbindung von Fremdexpertise in moderner Politik
  • Skripchenko: Zivilgesellschaft in der russischen Autokratie: zivilgesellschaftliche Bewegungen und NGOs im Spannungsfeld zwischen politischer Opposition und Repräsentation der funktionalen Imperative gesellschaftlicher Funktionssysteme
  • Weinbach: Leistungsbeziehungen zwischen den selbstreferentiellen Funktionssystemen Politik, Wirtschaft, Erziehung und Familie am  Beispiel frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erziehung

 

4 Die Bipolarität moderner politischer Systeme zwischen Demokratie und Autoritarismus

Jenseits gängiger Regimeklassifikationen lässt sich beobachten, dass sich moderne politische Systeme durch eine bemerkenswerte Bipolarität auszeichnen: Ihre Struktur wird über die beiden Pole Demokratie und Autoritarismus bestimmt und Wandlungsprozesse politischer Ordnungen lassen sich als Bewegung zum einen oder anderen dieser beiden Polen beschreiben. Am Beispiel unterschiedlicher Institutionen und regionaler Kontexte untersuchen wir, welche strukturellen Determinanten solche Bewegungen politischer Regimes zwischen Demokratie und Autoritarismus bestimmen. Wir fragen danach, wie diese Bewegungen jeweils mit der Einbettung des Politischen in die anderen Funktionssysteme der Gesellschaft zusammenhängen. Und wir analysieren die Rolle gegenwärtiger Formen von Populismus und Personalismus für die Transition politischer Systeme vom demokratischen zum autoritären Pol.

  • Ahlers/Stichweh: The Merton Project: Science and Political Regimes in the 21st Century
  • Ahlers: Technocracy and scientocracy as facets of modern authoritarianism in contemporary China
  • Krichewsky: Thin Citizenship and Thick Social Collectives: The Systemic Frailty of India’s Democracy
  • Bahrami/Goeke/Moser/Selivanova: Gemeinnützige Stiftungen als wohlwollende Autokratinnen in Demokratien
  • Morikawa: Der Wandel des japanischen politischen Systems. Von der Demokratie zum autoritären Regime?
  • Moser: Das politische Regime Russlands als moderne Autokratie
  • Pérez-Solari: Die Selbstorganisation der individuellen Mikrodiversität im Politiksystem durch zwei Grundrechte: Wahlrecht und Meinungsfreiheit.
  • Rückheim: Soziokulturelle Faktoren der schottischen Demokratie
  • Selivanova: Non-governmental organisations and social movements in Eastern European hybrid and autocratic regimes. These topics are linked to civil society and its democratising potential. 
  • Stichweh/Ahlers: Genese und Diversifikation demokratischer und autoritärer politischer Regimes in einer funktional differenzierten Weltgesellschaft
  • Stichweh: Demokratie und Autoritarismus in der amerikanischen politischen Tradition

 

5 Wissens- und Erkenntnisstrategien politischer Systeme

Für politische Systeme der Moderne stellt sich die Frage, wie sie Wissen über die Welt, die sie durch kollektiv bindendes Entscheiden zu gestalten versuchen, zu gewinnen imstande sind. Sie gehen nicht den Weg der Professionalisierung des Politischen, der die Verwaltung politischer Problemstellungen einer spezialisierten Profession überließe, die sich durch politisches Wissen über die Welt und professionseigene Theorien qualifiziert. Wie sehen in dieser Situation Formen des Erkenntnisgewinns durch politische Systeme aus? In welchen Formen integrieren sie Expertise von nicht-politischen Experten und aus anderen Funktionssystemen und wie ist das mit demokratischem und autoritärem Regieren kompatibel? Läßt sich die Universalisierung individueller politischer Inklusion auch als eine Form des mikropolitischen Erkenntnisgewinns organisieren? 

  • Krichewsky: Troubled Waters: The Ganges as a Source of Socio-Ecological Transformation?
  • Laube/Moser/Schubert: “Technokratiekritik” und “Politisierungsverdacht”: Ambivalenzen im Verhältnis von Wissenschaft und Politik bei der gemeinsamen Bearbeitung gesellschaftlicher Problemlagen
  • Skripchenko: Steuerungswissen in Autokratien: die Rolle moderner digitaler Technologien
  • Vallarta: Kommunikation als treibende Kraft für Weiterentwicklung im Bereich der Biomedizin: Eine Soziologische Analyse aus Funktionssystemperspektive.

 

6 Autonomie im politischen System

Eine Besonderheit moderner staatlicher Politik besteht darin, dass ihr Zuständigkeitsbereich beständig expandiert. Zugleich vollzieht sich diese Expansion vor allem in Demokratien häufig in Form von Politikverzicht und staatlicher Selbstbeschränkung. Kollektiv bindendes Entscheiden verlagert sich aus staatlichen Institutionen heraus und anderen funktionalen Kontexten und ihren Wissensbeständen wird innerhalb des Politischen Autonomie konzediert. Welche Begriffe und Formen der Bildung von Autonomie lassen sich in modernen politischen Systemen identifizieren? Wie bestimmt Autonomie die Beziehungen von Funktionssystemen zueinander? Wie verwirklicht sich Autonomie in der Bildung von Institutionen in der Binnenwelt politischer Systeme?

  • Moser: Vergleichende Betrachtung der historischen Genese und der gegenwärtigen Erscheinungsformen funktionaler Autonomie in demokratischen Ordnungen
  • Weinbach: Funktionale Autonomie der durch Leistungsbeziehungen institutionell miteinander verflochtenen Funktionssysteme Politik, Wirtschaft, Erziehung und Familie am Beispiel frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erziehung

 

7 Die Probleme der Politik

Politische Systeme formulieren unablässig Probleme, die den Einsatz von Macht in der Herstellung und Durchführung kollektiv-bindender Entscheidungen erfordern und legitimieren. Obwohl Problembeschreibungen teilweise erst in anderen Funktionssysteme (z.B. Wissenschaft, Wirtschaft, Religion) entstehen, und gesellschaftliche Schlüsselprobleme die Politik überfordern können (z.B. Ungleichheiten, Klimawandel), beruht die selektive Formulierung und Bearbeitung politischer Probleme auf systeminternen Operationen. Wir untersuchen wie Strukturmerkmale politischer Regime und Verhältnisse zwischen Politik und anderen Funktionssysteme die Konstruktion und Bearbeitung politischer Probleme bedingen, und wie Schlüsselprobleme der Gesellschaft auf die Evolution politischer Systeme einwirken, etwa hinsichtlich ihrer demokratischer bzw. autoritärer Neigungen.

  • Ahlers: Authoritarian Environmentalism 2.0
  • Bahrami: Von der Peripherie ins Zentrum: Stiftungen als Expertinnen für die Definition von politischen Problemlagen und deren Bewältigung auf Basis des selbst produzierten Wissens? 
  • Goeke: Philanthropie im Anthropozän: Organisations- und Kooperationsformen im Horizont von anthropozänen und planetarischen Umweltveränderungen und die Frage, welche sozialen Ordnungen mit einem umweltlichen Denken einhergehen
  • Krichewsky: Troubled Waters: The Ganges as a Source of Socio-Ecological Transformation?
  • Laube: Flüchtlinge, Klima und Corona. Grenzsoziologische Betrachtungen globaler Mobilitätskrisen 
  • Laube/Moser/Schubert: “Technokratiekritik” und “Politisierungsverdacht”: Ambivalenzen im Verhältnis von Wissenschaft und Politik bei der gemeinsamen Bearbeitung gesellschaftlicher Problemlagen
  • Moser: Dynamiken und Muster der Formulierung und Aneignung gesellschaftlicher Probleme in modernen politischen Systemen
  • Stichweh: The Rise of Global Problems and the Evolution of World Society
  • Vallarta: Urgent claims from society to have solutions to health problems that can only be solved by the establishment of  proper communications between the function systems of society (political, economy, science and health system).
  • Weinbach: Bereitstellung von "Vital- bzw. Humanvermögen" (Kaufmann) durch wohlfahrtsstaatliche Ingebrauchnahme von Erziehung und Familie am Beispiel frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erziehung

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