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Zukunftsszenarien: Digitale Wirklichkeit in 20 Jahren [Die Welt im Wandel: Real. Digital.]

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Bettina Schlüter (Abteilung Digitale Gesellschaft, FIW), Stefan Wrobel (Fraunhofer-Institut IAIS), Björn Müller Bohlen (Ressort Strategische Partnerschaften, FIW) und unsere Moderatorin Jeanette Seiffer (DW Akademie) (v.l.n.r.).

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Big Data, implantierbare Chips und Kameras, augmented Reality-Anwendungen - sieht so unsere Zukunft aus?

Die letzte Veranstaltung aus der Reihe "Die Welt im Wandel: Real. Digital." fand am 19.01.2017 im Bonner Universitätsforum statt.

 

Digitale Wirklichkeit – Die Welt in 20 Jahren

Wie können wir uns die Welt in 20 Jahren vorstellen, wenn der digitale Wandel alle Lebensbereiche nicht nur durchdrungen, sondern auch grundsätzlich verändert hat? Mit dieser Frage schloss die diesjährige Reihe „Die Welt im Wandel: Real. Digital.“ Gerade weil die Antwort aufgrund der Rasanz des digitalen Wandels schwer vorstellbar ist, wählten die Veranstalter ein anderes Format für den Abend: Vier kurze Videoclips gaben dystopische oder utopische Impulse für Zukunftsvisionen jeweils einen Implus für die darauf anschließende Diskussion auf dem Podium. Dazu nahm man in verteilten Rollen auf der Bühne diskursiv Bezug: Stefan Wrobel, Leiter des Fraunhofer-Instituts IAIS verkörperte den Optimisten, Björn Müller-Bohlen, Geschäftsführer des Ressorts Strategische Partnerschaften (FIW) und Bettina Schlüter, leitende Professorin der Abteilung Digitale Gesellschaft (FIW) gestalteten die Runde als kritisch Fragende.

Das Blind Date von morgen: Keiner ist „blind“.

Mit einem Ausschnitt aus dem Kurzfilm „Sight“ über ein Blind Date zwischen einem Mann und einer Frau ging es los. Dank vernetzten Social Media-Profilen und Big Data Auswertungen waren den Protagonisten schon vorab einige Details und Hintergrundinformationen des jeweils anderen bekannt. Eine smarte Linse, ähnlich der Google Glasses, projizierte beiden Dating-Partnern Informationen kontinuierlich live auf die Netzhaut. Klug genutzt konnte der Herr die junge Frau durch passende Kommentare zu ihrer Körpersprache, gezielte Bestellung eines Weines etc. Stück für Stück für sich einnehmen, obwohl diese zunächst eher abgeneigt war.

Von neuen Informationsasymmetrien und den Chancen, etwas nicht wollen zu dürfen

Das Panel diskutierte: Ist Romantik wirklich so programmierbar? Und wenn ja, wie gefährlich ist Big Data? Wird der freie Wille von Big Data und künstlicher Intelligenz ausgehöhlt? Gibt es am Ende den freien Willen überhaupt noch, wenn wir völlig durchschaubar geworden sind? Wo Wrobel pragmatisch Pro Big Data plädierte („Wir vergessen: Wir Menschen selbst wollen diese Daten haben, z.B., um Kosten zu sparen oder schlauer voranzukommen.Convenience eats compliance for breakfast.“) zeigte sich Müller-Bohlen deutlich skeptischer: Der Nutzung von großen personenbezogenen Datenmengen für manipulative Zwecke müsse irgendwie Einhalt geboten werden. Artikel wie der über den zweifelhaften Gebrauch von Big Data und Social Media Targeting im US-Amerikanischen Wahlkampf zeigten das. Zumindest brauche es Transparenz über Zweck und Funktionsweisen von Algorithmen. Sonst drohten wir in neue Asymmetrien zu rutschen, wo die Einen Alles und Viele wenig bis gar nichts wüssten. Wir würden möglicherweise der Chance beraubt, „in 20 Jahren überhaupt noch irgendetwas nicht wollen zu dürfen“.

Wenn der Pizzalieferdienst entscheidet, was gut für Dich ist.

Der nächste Clip erläuterte dieses Prinzip: Die Vorlesungsbesucher lauschten einem Mann, der versuchte, eine Pizza zu bestellen. Nicht nur wusste der Lieferant sofort Namen und Lieferadresse; er kannte auch Kontostand, Körpergewicht, Krankenkassentarif und Cholesterinwerte des Bestellenden. Dementsprechend beschränkt war die Auswahl; fettige Wünsche wurden mit „Strafzöllen“ belegt und am Ende entschieden Geldbeutel und Gesundheitszustand den verblüfften Mann für eine Pizza Vegetaria. Schlüter fragte: Wann wird allumfassendes Wissen, z.B. über den eigenen Gesundheitszustand, zur Pflicht? Wann haben Individuen in Zukunft das Recht auf Nichtwissen? Wrobel berichtete von einer krebskranken Bekannten, die freiwillig alle ihre Gesundheitsdaten sammle, um sich eine besser auf sie zugeschnittene Therapie zu ermöglichen. Und erinnerte das Publikum daran, dass wir bereits heute mit dem Trend der „Wearables“ (wie etwa Schrittmessarmbänder) nicht mehr weit von der im Pizzabestell-Clip dargestellten Zukunft entfernt seien. 

Unsere Cyborg-Zukunft: „Wearables“ und das Internet, das unter die Haut geht.

In einem aus verschiedenen Fernsehbeiträgen zusammen geschnittenen Clip wurde die Zukunft im Heute vorgestellt: Gelähmte Menschen, die mithilfe der Messung von Gedankenströmen und ihrer Willenskraft Computerspiele steuern; Klebetattoos aus Blattgold, die wie eine Computerplatine funktionieren, Implantate, die von außerhalb unseres Körpers angesteuert werden können und Kranken (und Gesunden) helfen können, Barrieren zu überwinden oder Außergewöhnliches zu leisten: Auch unsere Körper werden zunehmend zum Teil der vernetzten Welt und dem Internet der Dinge. Die Dehnung und Sprengung der Grenzen des menschlichen Körpers begeistert und macht zugleich Angst, da waren sich Sprecher auf der Bühne und aus dem Publikum eins.

Dank menschgerechter Steuerung die Kontrolle über den digitalen Wandel behalten 

Wrobel betonte: Die Zukunft kann rosig sein, wenn es uns Menschen gelingt, die Kontrolle über und Steuerung von Technologien zu behalten. Gute Technologie gehe immer vom Menschen aus. Doch wenn digital und analog verschmelzen, so Müller-Bohlen, käme es stark darauf an, wie diese Steuerung gestaltet sei. Solange es Steuerungs-Oberflächen gibt, die die menschlichen Sinne nicht verwirren und Informationen bereit stellen, die verarbeitet werden können – eine gute user experience – dann kann es gelingen, dass Menschen am Steuerrad der digitalen Entwicklung bleiben. Doch das sei eben nicht immer gegeben. Der Clip „Hyper-Reality“ – eine Art farbenexplodierte Augmented Reality-Phantasie – zeigte deutlich, was er damit meinte: Zuviele digitale gadgets und spielerische Elemente führen dazu, dass wir uns im Virtuellen verlieren und uns der Blick auf das Wesentliche verstellt wird: Uns selbst. 

Digitale Zukunft der Menschen? Kein Grund zur Panik – eher eine Frage des Wollens

Bevor sich jedoch Publikum und Sprecher auf der Bühne in Digital-Pessimismus verloren, gab sich Wrobel versöhnlich und in erstaunlicher Übereinstimmung mit einem früheren Sprecher der Reihe, dem ehemaligen Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar: „Unsere digitale Zukunft kann gestaltet werden: Die Menschen haben es in der Hand, wenn sie daran glauben und es wollen.“

Der digitale Raum – Raum für Alle, der gemeinsam gestaltet und gesteuert werden will.

Es sei zwar gut, wenn der Einzelne gestalten könne, aber alleine gelänge dass das wohl kaum, so der Einwand aus dem Publikum. Wer reguliere eigentlich das Internet, wenn selbst Nationalregierungen Probleme hätten, fake news auf facebook zu verhindern? Auch die Antwort darauf kam dieses Mal aus dem Publikum: Eine Mitarbeiterin der GIZ verwies auf den deutschen Beitrag in dem von der Internationalen Fernmeldeunion ITU einberufenen Weltgipfel für die Informationsgesellschaft, World Summit on the Information Society (WSIS). Dieser tagte 2003 in Genf und 2005 in Tunis und deren Ergebnisse werden regelmäßig durch das Internet Governance Forum aufgegriffen. Forderung und gelebte Praxis sei, dass das Internet sich nur in einer Multiakteurs-Partnerschaft aus Regierung, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft gestalten und regulieren lasse – das Internet gehöre eben Allen.

 
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