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Postsowjetische Transformationen in der Weltgesellschaft. Kommunalverwaltung und Wirtschaftskommunikation im ländlichen Russland

Die Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 markiert den Beginn eines gravierenden und umfassenden gesellschaftlichen Transformationsprozesses. In ländlichen Gemeinden, in denen die landwirtschaftlichen Kollektivbetriebe im sowjetischen Regime als umfassende Organisationen fungiert und die Gemeindeverwaltungen faktisch übernommen hatten, stellten vor allem der Privatisierungsprozess und die Einführung kommunaler Selbstverwaltung signifikante Irritationen für den dörflichen Alltag und seine Strukturen dar. Während den Reformmaßnahmen und Strukturänderungen im Zusammenhang mit der Privatisierung der Landwirtschaft auf dem Feld der Transformationsforschung verhältnismäßig große Aufmerksamkeit zuteil wurde, klafft mit Blick auf die Einführung kommunaler Selbstverwaltung bislang eine Forschungslücke.

Das Forschungsprojekt (abgeschlossen) setzt an diesem Punkt an fragt aus der Perspektive der Differenzierungstheorie und der Theorie der Weltgesellschaft nach Struk­turen und Ordnungen, die sich im doppelten Kontext von landwirtschaftlicher Privatisierung und der Einführung kommunaler Selbstverwaltung im postsowjetischen ländlichen Russland herausbilden. Im Fokus stehen damit zwei komplementäre Reformbereiche, die eine Schnittstelle zwischen der sogenannten politischen und der wirtschaftlichen Transformation markieren. Empirisch basiert das Projekt auf ethnographischer Feldforschung in zwei ländlichen Gemeinden der Region Perm (Russische Föderation).

Hervorzuheben sind drei zentrale Einsichten des Projekts:

1. Eine theoretische Rekonstruktion der sowjetischen Organisationsgesellschaft rückt (Voll-)Inklusion|Exklusion und Hierarchie|Markt als Leitunterscheidungen des sozialistischen Gesellschaftsprogramms sowie die Durchdringung der Gesellschaft mit Organisationsstrukturen – Partei und Massenorganisationen (darunter die Kolchosen) – in den Vordergrund. Dieser Logik folgend lässt sich das sowjetische Dorf als Nische innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchie beschreiben, innerhalb derer regimefremde Kommunikationsformen entstehen und sich reproduzieren konnten.

2. Politische Dezentralisierung und die Einführung kommunaler Selbstverwaltung lassen sich beschreiben (i) als Prozess der internen Differenzierung des politischen Systems durch die Einführung einer relativ autonomen lokalen Verwaltungsebene im Zentrum des politischen Systems, (ii) als Prozess der Organisationsbildung auf dieser Ebene und (iii) als Prozess der Konstitution eines lokalen Publi­kums und spezifischer Formen der Pu­blikumsinklusion.

3. Die Analyse der Wandlungsprozesse, die im Kontext der Einführung kommunaler Selbstverwaltung und der Kolchosprivatisierung in den postsowjetischen ländlichen Gemeinden zu beobachten sind, lassen drei zentrale Muster erkennen: Zu beobachten ist erstens die Verschiebung von Inklusionshierarchien und die zunehmende Präsenz globaler Anlehnungskontexte in der dörflichen Kommunikation; die Kolchosmitgliedschaft als bestimmende Inklusionsform wird allmählich von der Adressierbarkeit in globalen Funktionssystemen abgelöst. Zweitens treten die Bürgermeister als Fixpunkte einer stark interaktionsgebundenen lokalen Politik hervor, die sich als eigenständiger Kommunikationszusammenhang etabliert; landwirtschaftliche Großbetriebe sind mit Blick auf die lokale Infrastruktur weiterhin unverzichtbar, erscheinen jedoch nicht mehr als superrelevante Umwelten, sondern als Kooperationspartner der Gemeindeverwaltungen. Drittens wird deutlich, wie die beteiligten Organisationen – Gemeindeverwaltungen und landwirtschaftliche Großbetriebe – über spezifische Konfigurationen formaler, informaler und illegaler Strukturen gleichzeitig globalen Transformationsimperativen folgen und lokale Erwartungen absorbieren.

 

Ausführliche Zusammenfassung des Projekts

 

Literatur:

 

Moser, Evelyn (2014): The Logic of the Socialist Organisational Society. Erscheint in: Stichweh, Rudolf und Nicolas Hayoz: Variants of Differentiation in the Regions of World Society. Stuttgart: Lucius & Lucius (Soziale Systeme 2014).

 

Moser, Evelyn und Peter Lindner (2011): Dezentralisierung im Zeichen der Machtvertikale: Paradoxien der Einführung einer lokalen Selbstverwaltung im ländlichen Russland. In: Geographische Rundschau 63 (1), S. 28-35.

 

Lindner, Peter und Evelyn Moser (2009): (De-)Centralizing Rural Russia: Local Self-Governance and the “Power Vertical”. In: Geographische Rundschau International Edition 5 (3), S. 12-18.

 

Lindner, Peter und Evelyn Moser (2009): Landwirtschaft und ländlicher Raum – Der lange Weg von der Privatisierung zum Markt. In: Russlandanalysen Nr. 178 (28. Februar 2009), S. 6-9.

 

Moser, Evelyn (2008): Der ländliche Raum in Russland: Lokale Selbstverwaltung beeinflusst vom Erbe des Kolchoz. In: Forschungsstelle Osteuropa (Hrsg.): Modernisierung in Ost- und Mitteleuropa? Dynamiken innerstaatlichen und internationalen Wandels. Arbeitspapiere und Materialien Nr. 98, September 2008, S. 79-82.


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