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Forschungsprogramm

Varianten der Demokratie  –  Alternativen zu Demokratie

Forschungsprogramm der Abteilung ‚Demokratieforschung‘ am Forum Internationale Wissenschaft der Universität Bonn

Stand:  21. Mai 2013

 

Für ein republikanisches oder demokratisches Gemeinwesen ist die kommunikative Autonomie des politischen Geschehens konstitutiv. Anders als in einer ‚Theokratie‘ oder ‚Technokratie‘  wird das Politische nicht durch von außen gesetzte Gesichtspunkte determiniert. Es handelt sich vielmehr bei einer Republik oder Demokratie um einen kollektiven Zusammenhang, der sich selbst, nach eigenen, selbstgesetzten Imperativen bestimmt. Das ‚Selbst‘ in dieser Formulierung ist der ‚Demos‘ und in diesen Begriff des Demos sind alle einzelnen Menschen eingeschlossen, die in Inklusionsrollen, die im Einzelnen sehr verschieden ausgestaltet sein können, an der Selbstbestimmung des Politischen teilnehmen und auf diese Teilnahme einen in der Moderne unabweisbaren Anspruch haben.

Diese Zugangsweise zu Demokratie über den Begriff der Inklusion und die Universalität und die Verschiedenheit von Inklusionsrollen eröffnet eine Mehrzahl von vergleichenden Perspektiven: Varianten von Inklusion in verschiedenen politischen Systemen, die als demokratisch und auch als nichtdemokratisch aufgefasst werden können; Formen der Institutionalisierung von Inklusionsrollen in anderen Funktionssystemen der gegenwärtigen Weltgesellschaft, die den Blick auf die Eigenart des Politischen schärfen. Die Zugangsweise der Abteilung ‚Demokratieforschung‘ ist prinzipiell deskriptiv und komparativ. Sie verwendet und kombiniert vier analytische Zugänge zum Problem der Demokratie:

  1. Die historische Semantik des republikanischen und demokratischen Denkens, die für unsere Zwecke als eine in sich kritische Semantik zu verstehen ist, als ein Pool von Konzepten, Normen und institutionellen Lösungen, der unter Bedingungen der Weltgesellschaft ein weltweit bekannter und verfügbarer semantischer Pool ist und dem aus allen Weltregionen Einträge hinzugefügt werden können und für den auch zu erwarten ist, dass es solche Hinzufügungen, Neubestimmungen und Hybridisierungen in den kommenden Jahrzehnten geben  wird. Auch die Wiederaufnahme alter Begriffe wie ‚humane Autorität‘ (konfuzianisch) oder ‚Deliberation‘ (römisch-rechtlich) ist ein interessanter Sachverhalt. Das Studium der Demokratie ist in dieser ersten Forschungshinsicht ein Nachzeichnen einer soziokulturellen Evolution, die sich mit diesem Pool semantisch-institutioneller Varianten verknüpft, selektiv auf ihn zurückgreift und ihn in seiner Zusammensetzung laufend verändert. Die Institutionalisierung semantischer Varianten hat den interessanten Effekt, dass sie die Alternative kognitiv vs. normativ (änderungsbereit vs. änderungsresistent), die in der Semantik unterspezifiziert bleibt.

  2. Die Theorie der funktionalen Differenzierung und insbesondere der Rückgriff auf die Theorie der Inklusion, die einen Einbeziehungsvorgang beschreibt, den alle Funktionssysteme kennen, erlaubt Demokratisierungsprozesse mit Prozessen der Strukturbildung und Strukturänderung in anderen Funktionssystemen zu vergleichen. Die Verberuflichung von Leistungsrollen und die Herausbildung einer professionellen Wissensklasse sind in vielen Funktionssystemen zu beachten und treten im politischen Fall in ein interessantes Spannungsverhältnis zur Legitimation durch den Vorgang politischer Wahl. Europäische Länder wie Frankreich und Italien sind nach dem zweiten Weltkrieg faktisch durch nichtgewählte Beamte kontrolliert worden und auch in der jetzigen Krise des Regierens in Europa spielt erneut die vermutete Gemeinwohlorientierung von Experten und ‚Weisen‘ eine auffällige Rolle.

  3. Der Bereich Demokratieforschung macht sich die Vermutung zu eigen, dass Entwicklungen in außereuropäischen Ländern wie China, Brasilien, Russland, Nigeria und Indien eine Schlüsselrolle bei der Formulierung von Modellen politischen Regierens zukommen wird. Erneut wird für uns die auf Vergleich zielende Frage bedeutsam sein, welche Modelle und Varianten politischer Inklusion die politische Entwicklung des jeweiligen Landes bestimmen. Wie wird die Evolution dieser Modelle durch die kommunikative Umwelt der Politik als ein Weltsystem und durch regionale semantische und sozialstrukturelle Faktoren gelenkt? Eine Reihe der relevanten und vielleicht paradigmatischen Länder sind große Flächenstaaten mit signifikanter ethnischer Diversität. Was bedeutet das für die Zukunft des Regierens in diesen Staaten?

  4. Der Arbeitsbereich Demokratieforschung wird viertens systematisch nach Kontextfaktoren des Politischen suchen, die mit den Formen des Regierens zusammenhängen und auf diese Einfluß nehmen. Vorstellungen über Individualität und Selbständigkeit der Lebensführung, Kommunikationskulturen und Kommunikationsstile, Klientelismus und Selbstbeschreibungen dessen, was man für Korruption hält, die Formen des Zusammenlebens in großen Agglomerationen oder in relativ kleinen Gemeinden sind einige der vielen Variablen, die hier in Frage kommen. In allen diesen Hinsichten geht es um Einbettungen des Politischen in sozialstrukturelle Bedingungen, die für sich selbst nicht politisch sind, aber Entwicklungspfade des Politischen mitzubestimmen imstande sind. Im Unterschied zum zweiten Forschungsbereich, der das politische System der Gesellschaft mit Strukturbildungen in anderen Funktionssystemen vergleicht, geht es hier um Interaktion und strukturelle Effekte, die die Verknüpfung mit anderen Funktionssystemen mit sich bringt.

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